Short Story Collab #10 Horror

Short Story Collab #10 Horror

Hey ihr Lieben,

ich denke, mittlerweile wisst ihr was Short Stories sind und wie ihr daran teilnehmen könnt. Nicht? Nun, dann stattet doch der Seite http://captain-obvious.de/ Besuch ab. Es gibt mittlerweile auch eine dementsprechende Gruppe in Facebook (Short Story Collab – gemeinsam Geschichten schreiben). Neue Schreiberlinge sind gern willkommen und werden mit offenen Armen und Augen empfangen. 🙂 Nur keine Scheu, wir sind eigentlich alle ganz lieb.

Ich selbst stelle hier meinen Beitrag zum Thema Horror vor und diesmal hat es auch nichts mit meiner “Origingeschichte” zu tun, die bisher bei jedem Thema etwas gewachsen ist. Ich muss wohl betonen, dass das Thema vielleicht ein klein wenig umgangen wurde aber seht selbst. FĂŒhlt euch frei zu kommentieren, zu loben oder zu kritisieren. Wie immer gilt, ich beisse nicht, versprochen! 🙂

Viel Spaß!

Eure Bibi

Das Heulen des Windes war in dem alten Herrenhaus in jedem Raum zu hören. Es gab keinen Strom und jeder Schritt lief Gefahr, den Boden zu durchtreten. Das GebĂ€ude, ehemals voller Prunk und Mitbewohnern, die das Geld mit beiden HĂ€nden in nette Parties, hĂŒbschen Frauen und noch hĂŒbscheren GegenstĂ€nden gesteckt haben sind lange tot oder weitergezogen. Es lag zu weit weg vom Hauptgeschehen, die nĂ€chste Stadt 2 Autostunden entfernt, als einzige Nachbarn nur der große, dunkle Wald.

In der Regel verirrte sich hier niemand hierher. In der Regel sind die meisten 12 jĂ€hrigen MĂ€dchen um Mitternacht im Bett und schleichen sich nicht heimlich nach draußen. In der Regel. Aber es gibt Ausnahmen, wie dieses dunkelhaarige MĂ€dchen hier beweist. Es war nicht schwer gewesen, dem schlafenden Vater auf dem Sofa, den SchlĂŒssel aus der Hemdstasche zu stehlen, noch leichter war es, das Auto leise aus der Garage zu manövrieren und in Richtung der Autobahn zu dĂŒsen. Sie war schon immer groß fĂŒr ihr Alter gewesen und dank ihrem Ă€lteren Bruder, der ihr etliche Fahrstunden in seinem alten Pickup auf einem verlassenen Parkplatz gegönnt hatte, stellte das Fahren eines solchen Autos kein Problem dar. Ihrem Vater hat es nie gekĂŒmmert, was seine Tochter trieb. Das war schließlich die Aufgabe seiner Frau gewesen, was konnte er dafĂŒr, wenn die Mutter ihrer Kinder einfach das Weite suchte und nie wieder etwas von sich hören lies? Er hatte gewiss anderes zu tun als KindermĂ€dchen fĂŒr eine kleine Göre zu spielen.

Dem MĂ€dchen war es meist gleichgĂŒltig ob ihr Vater anwesend war oder nicht. Sie hatte ihren Bruder. Das genĂŒgte. Mehr brauchte sie nicht. Jahre hat sie ihren Vater ignoriert und jeder ging seiner Wege. Bis auf diesen Abend. Er hatte, mal wieder, zu viel getrunken und einen HöllenlĂ€rm in der KĂŒche veranstaltet. Sie wurde aus dem Schlaf gerissen und taumelte nach unten. Sie trug ein enges Nachthemd aus dem sie eigentlich schon herausgewachsen war. Das MĂ€dchen tapste die Treppe runter und blieb auf der letzten Stufe stehen. Ihr Vater stand nicht weit von ihr entfernt, wankend und mit verschwommenem Blick, versuchte er zu erkennen wer vor ihm stand. Seine Augen tasteten ihren Körper ab und verengten sich etwas. In dem Moment wusste das MĂ€dchen, nein sie spĂŒrte es, dass etwas schreckliches passieren wird, wenn sie nicht das Weite suchte.

Sie bewegte sich keinen Millimeter, als der Vater langsam auf sie zutorkelte, immer nĂ€her kam und sein Gesicht zu einer lĂŒsternen Fratze verzog. Viel zu spĂ€t, drehte sie sich um und versuchte die Treppen hochzulaufen. Es war zu spĂ€t. Er war zu krĂ€ftig, zu energisch, als das sie sich wehren konnte. Das einzige was sie sah und spĂŒrte war Schmerz und der unbĂ€ndige Hass der mit der Pein anwuchs und ihr Innerstes zu zerreissen drohte.

Sie blieb liegen, als der Mann der sich ihr Vater schimpfte von ihr herunter rollte, zum Sofa krabbelte und sich schwer darauf fallen lies. Wenige Minuten spĂ€ter, war er weggetreten und rĂŒhrte sich nicht mehr. Das MĂ€dchen wartete noch einige Minuten, bevor sie sich hoch kĂ€mpfte.

Sie kannte den Weg. Der einzige Ort wo sie VerstĂ€ndnis fand. Ihr Zufluchtsort vor der Schule. Niemand wusste davon, nicht einmal ihr Bruder, der naiv glaubte, dass seine kleine Schwester jeden Morgen zu Schule ging. Sie waren alle Narren. Sie fand den versteckten SchlĂŒssel unter einem zerbrochenem Blumentopf und öffnete die TĂŒre. Das laute Knarren hörte sich hohl an und vermischte sich mit dem Jaulen des Windes. Vorsichtig suchten ihre FĂŒĂŸe den Weg zur anderen Seite des GebĂ€udes. Sie kannte ihn auswendig und brauchte ihre Augen nicht um zu wissen wohin sie gehen musste. Vor ihr befand sich nun eine TĂŒre, die bei hellem Tageslicht abblĂ€tternde grĂŒne Farbe zu Schau stellte. Das MĂ€dchen klopfte dreimal ehe sie die TĂŒre aufzog und die Treppe nach unten ging.

Der Geruch von Moder und Schimmel kitzelte ihre Nase, es war kalt und die KĂ€lte kroch dem MĂ€dchen unter das Nachthemd, verursachte ein Kribbeln auf ihrer Haut, das zu einem Brennen anwuchs. Sie hieß diese Empfindungen willkommen. Endlich war sie zu Hause. Je weiter sie der Treppe nach unten folgte, desto heller wurde es. Bizarre Schatten huschten ĂŒber ihrem Kopf hin und her. Es wurde wĂ€rmer und stickiger. Es roch nach Kupfer und nach etwas anderem, dass sie die ersten Male die sie hierhergefĂŒhrt hatten nicht zuordnen konnte. Mittlerweile kannte sie den Ursprung und freudige Erwartung bereitete sich in ihrem Bauch aus. ER wusste was zu tun wĂ€re. ER konnte ihr helfen  dem Monster, dass ihr weh getan hatte zu bestrafen. ER war ihr Freund. Ein Ausgestoßener, ein RĂ€cher, ihr Held.

Das MĂ€dchen betrat den Raum und lĂ€chelte. Ihr Zuhause. Ein Ort an dem Monster ihre gerechte Strafe erhielten. Ihr Blick glitt zu einer alten Wanne, die wahllos mitten in den Raum gestellt wurde. Darin lag etwas, das seine gerechte Strafe bereits erhalten hatte. Rote FlĂŒssigkeit tropfte auf den Boden und bildete eine Lache aus Blut.

Sie war zu Hause und bald, bald wird ihre Rache ein Ende finden und das nĂ€chste Monster den Preis dafĂŒr bezahlen.

6 Responses »

  1. Du bist schon die Zweite, die das Thema “Horror” in einer Missbrauchs-/Rachegeschichte verarbeitet, was ich fast ein wenig seltsam finde, aber durchaus fĂŒr mich gelten lassen kann, auch wenn ich bei Horror eigentlich etwas anderes erwarte.
    Die beiden Fragen, die fĂŒr mich als Leser am Ende offen bleiben, schaffen aber es aber schon mich in einer gewissen Grusel-Grundstimmung zurĂŒckzulassen, auch wenn ich mir vielleicht gewĂŒnscht hĂ€tte, dass Du eine der beiden Fragen noch auflöst. Da ich nun weder weiß, wer ER ist noch, wer dort in der Badewanne liegt, habe ich ein wenig das GefĂŒhl, Du hast Dich – aber das hast Du ja selbst auch so gesagt – vor dem eigentlichen Einstieg in das Genre gedrĂŒckt? 😉
    Trotzdem finde ich den Übergang von einer, in der RealitĂ€t durchaus vorstellbaren Situation, in eine, die mich aus ebensolcher entfĂŒhrt, sehr gelungen!
    Vielleicht schreibst Du ja mal eine Fortsetzung? 🙂

  2. Ok. diese Missbrauchs-/Vergewaltigungsgeschichten sind die einzigen, die mich noch gruseln können.
    ist ER in der Badewann vlt ihr Bruder, bzw ist das Monster eben eine Seite von ihr, die sie in diesem Keller versteckt? *NEUGIER!!!!!*

  3. Pingback: Short Story Collab #10: Horror | Captain Obvious

  4. Schade, gerade als es interessant wird, hörst du auf. Klar darf man dem Leser einiges selbst ĂŒberlassen, aber irgendwas fehlt da am Ende. Das restliche Feedback hab ich dir ja schon so gegeben. Ähnlich wie dein MĂ€rchen finde ich, das hier ist eine Geschichte mit viel Potential, die du in einer ruhigen Stunde unbedingt noch mal ĂŒberarbeiten/neu schreiben solltest. Manchmal wirkt es, als seist du von einer guten Idee selbst so ĂŒberrascht, dass du sie schnell niederschreibst und dann veröffentlichst. Was schade ist. Als Leser liest man dann eine gute Geschichte und denkt sich “Hm, mit 2-3 Änderungen hĂ€tte das locker eine sehr, sehr, sehr gute Geschichte sein können.”

    Ich hoffe, ich kann dich ermutigen, am Ende – gerne mit meiner Hilfe beim Lektorat – alle Geschichten noch mal zu ĂŒberarbeiten. Und ich hoffe, das klingt jetzt nicht arrogant oder von oben herab oder so. Ich will doch nur, dass du dein volles Potential ausschöpfst und das ist auf jeden Fall da. Ich versuche mich mal an einer Metapher: du findest einen Edelstein in deinem Kreativbergwerk, machst ein Foto und veröffentlichst es, anstatt den Stein vorher zu polieren und zu schleifen. 🙂

    Noch mal konkreter zu der Story: ich musste wirklich kurz innehalten, das haben bisher nur Chuck Plahniuk und George R.R. Martin geschafft. Bravo 🙂

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